6. August 2026 · Leben an Bord

Heute vor einem Jahr

Heute vor einem Jahr

Heute ist der 6. August.

Ein Datum, das jetzt anders klingt als früher.

Heute vor einem Jahr, am 6. August 2025, ist mein Vater gestorben.

Ich weiß nicht, ob man für so einen Tag die richtigen Worte findet. Vielleicht gibt es sie gar nicht. Vielleicht gibt es nur die Worte, die gerade da sind. Und vielleicht ist genau das genug.

Gestern hatte Miro Geburtstag. Er wurde drei. Vor einem Jahr wurde er zwei. Und einen Tag später starb mein Vater. Seitdem liegen diese beiden Tage direkt nebeneinander: das Leben, das gerade erst beginnt, und ein Leben, das zu Ende gegangen ist.

Das ist schwer zu beschreiben. Nicht dramatisch im lauten Sinn. Eher still. Wie wenn der Wind weg ist, aber das Boot noch schaukelt.

Wo Kirana eigentlich beginnt

Wenn man Sailing Kirana nur von außen anschaut, sieht man vielleicht ein Segelboot, ein bisschen Kroatien, Hunde, Reparaturen, Chaos, Meer und den Versuch, irgendwie frei zu leben.

Aber für mich beginnt diese Geschichte viel früher.

Sie beginnt mit meinem Vater.

Željko Čaklec wurde in Nova Gradiška geboren, in Slawonien. Kroate. Arzt. Einer, der viel erlebt hat, lange bevor ich überhaupt da war. Krieg, Jugoslawien, Auswanderung, Schweiz, Arbeit, Familie. Ein Leben, das nicht einfach in ein paar Sätze passt.

1984 baute er unser Haus in Krk beziehungsweise ließ es bauen. Dieses Haus ist bis heute nicht einfach nur ein Haus. Es ist der Ort, an dem so vieles zusammenkommt: Kindheit, Sommer, Familie, Kroatien, Heimkommen. Heute leben wir hier mit Miro, mit Sheila, mit B’Elanna, zwischen Haus und Boot, zwischen Alltag und Meer.

Und manchmal denke ich: Ohne ihn gäbe es diesen Ort für uns gar nicht.

Nicht so.

Nicht mit dieser Selbstverständlichkeit, mit der Krk für mich immer mehr Heimat als Ferienort war.

Das erste Segeln

Auch das Segeln kam nicht aus dem Nichts.

Mein Vater hatte am Neuenburgersee ein kleines Segelboot. Für die Welt war das vielleicht nur ein Boot. Für mich war es der Anfang von etwas, das ich damals noch nicht verstehen konnte.

Ich war noch klein, als ich mit ihm segeln ging. Sehr klein. Ich erinnere nicht alles als klare Bilder. Aber manches bleibt trotzdem irgendwo im Körper hängen: Bewegung, Wasser, Wind, dieses Gefühl, dass ein Boot nicht einfach fährt, sondern lebt.

Michael als Kind mit Kapitänsmütze am Meer

Später kamen andere Boote. Kleine Boote. Die Odessa. Dann die Kirana. Und irgendwann wurde aus einem alten Gefühl ein ganzes Leben.

Heute liegt die Kirana hier in Kroatien. Unser schwimmendes Zuhause. Manchmal Baustelle, manchmal Rettungsinsel, manchmal großer Traum mit viel zu vielen offenen Punkten. Aber sie ist da.

Und wenn ich ehrlich bin, ist mein Vater auch da.

Nicht sichtbar. Nicht laut. Aber in der Linie, die von diesem kleinen Boot am Neuenburgersee bis hierher führt.

Was bleibt

In den letzten Tagen habe ich wieder viel in der Familiengeschichte gegraben. Nova Gradiška. Cernik. Alte Namen. Alte Häuser. Parzellen, Grundbuch, Spuren. Dinge, die trocken klingen, bis plötzlich eine Erinnerung zurückkommt.

Das alte Familienhaus in der Ulica Jurja Haulika. Wohnhaus, Hof, Stall. Hühner. Schweine. Eine Mauer. Ein Tor. Und dann dieser seltsame Moment, in dem man auf ein Bild schaut und plötzlich nicht nur etwas erkennt, sondern es riecht.

Kindheit hat manchmal keinen Text. Sie kommt als Geruch.

Vielleicht suche ich gerade nicht nur nach Unterlagen. Vielleicht suche ich danach, meinen Vater besser zu verstehen. Woher er kam. Was er mitgenommen hat. Was er verloren hat. Was er aufgebaut hat.

Und was davon jetzt bei uns weiterlebt.

Ein Jahr

Ein Jahr ist lang.

Und gleichzeitig ist es gar nichts.

Man gewöhnt sich an neue Abwesenheiten, aber man begreift sie nicht wirklich. Man macht weiter, weil ein Kind Hunger hat, weil ein Hund raus muss, weil am Boot irgendwas nicht funktioniert, weil die Bura kommt, weil das Leben nicht fragt, ob heute ein guter Tag dafür ist.

Vielleicht ist das sogar gut so.

Nicht weil Trauer dadurch kleiner wird. Sondern weil sie einen Platz bekommt zwischen all den Dingen, die trotzdem weitergehen.

Miro wird größer. Er schaut Boote. Er rennt durch Krk. Er lebt in dem Haus, das sein Großvater gebaut hat. Vielleicht wird er irgendwann wissen wollen, wer dieser Mann war. Vielleicht werde ich ihm dann nicht mit Daten anfangen, sondern mit Geschichten.

Željko und Michael als Kind vor einem riesigen Eisbecher

Mit Nova Gradiška.

Mit Krk.

Mit dem alten BMW.

Mit dem kleinen Segelboot am Neuenburgersee.

Mit dem Haus.

Mit der Kirana.

Und vielleicht mit dem Satz: Ohne deinen Dida wären wir nicht hier. Nicht so.

Željko und Michael als Kind beim Auspusten der Geburtstagskerzen

Danke, Papa

Ich weiß nicht, ob ich oft genug Danke gesagt habe.

Wahrscheinlich nicht.

Das ist vielleicht eines der gemeinen Dinge am Tod: Er schließt keine offenen Sätze sauber ab. Er lässt sie stehen. Mitten im Raum. Manchmal mitten in der Küche. Manchmal auf dem Weg zum Boot. Manchmal am 6. August, wenn draußen wieder Sommer ist und Krk so tut, als wäre alles wie immer.

Aber vielleicht kann man manche Sätze trotzdem noch sagen.

Danke, Papa.

Für Krk.

Für das Segeln.

Für dieses Haus.

Für die Herkunft, auch wenn sie nicht immer einfach war.

Für die Spuren, denen ich jetzt nachgehe.

Und für das, was in Miro, in mir, in dieser Familie und vielleicht sogar in der Kirana weiterlebt.

Heute vor einem Jahr bist du gegangen.

Aber ganz weg bist du nicht.